Claus Boje – Ein Leben mit dem Kino

Der Name Claus Boje sagt wenigen etwas und diese wenigen sind Cineasten. Dabei sind die Filme „Männerpension“, „Sonnenallee“ und „Herr Lehmann“ sicher keine Geheimtipps. Vielmehr Publikumslieblinge, Auffestivalsvorgeführtwerder, Preisgewinner. Mit oder Detlef Buck, der selbst Nichtcineasten etwas sagt. Alle drei wurden sie produziert von Claus Boje. Aber Produzenten stehen in der Reihe der Namen, die der Jedermann aus dem Kino kennt, weit unten. Auch wenn es sich möglicherweise um einen der ganz Großen des deutschen Films handelt.

Claus Boje und das Kino gehören zusammen. Vom Tellerwäscher zum Millionär? Vom Kartenabreißer zum Produzenten! Zumindest begann Bojes Filmlaufbahn, als er 1980 ein Kreuzberger Kino restaurierte. Fünf Jahre täglicher Vorführungen der Rocky Horror Picture Show hatten es nötig gemacht. Nach getaner Arbeit blieb Boje, wurde Kassierer und Filmvorführer. Das Kino übrigens heute das älteste noch existierende Kino Berlins. 1907 im Obergeschoß eines neu errichteten Wohn- und Geschäfthauses eingerichtet, half es dem Hauseigentümer durch einen finanziellen Engpass.

Gerüchteweise soll ein Herr Alfred Topp das Kino eröffnet, ihm den Namen „Kino Topp“ gegeben und damit den Begriff des Kintopps begründet haben. Kintopp, damaliger Berliner Volksmund-Begriff für Filmvorführungsort. Ein schönes Gerücht, jedoch wie es im Wesen solcher liegt, nicht belegbar. Im Laufe der Jahre bekam das Haus noch viele Namen: Vitascope-Theater, Hohenstaufen-Lichtspiele, Taki, Tali und Das Lebende Bild – wie es auch hieß, als Boje an Bord kam. Und während die Räume 1984 erneut umgetauft und zum Moviemento wurden, wurde Boje 24jährig Mitgesellschafter eines anderen Berliner Kinos, des Delphi. Aber nicht nur das – bis 1989 kaufte er sich in insgesamt 15 Kinos Berlins als auch Münchens ein, um dann die Delphi Filmverleih GmbH zu gründen. Zur gleichen Zeit und bis Mitte der 90er entschied im Moviemento übrigens der damals unbekannte Tom Tykwer über das Programm – heute renommierter Regisseur von Filmen wie „Lola rennt“, „Der Krieger und die Kaiserin“ oder aktuell „Das Parfum“.

Aber zurück zu Claus Boje, dem der neugegründete Filmverleih ermöglichte, ein Stück weit mit zu entscheiden, welche Filme auf deutschen Leinwänden gezeigt werden. Das begann mit Michael Kliers Film „Überall ist es besser wo wir nicht sind“. Ein Film über einen Aufbruch von Warschau aus gen Westen, der u.a. den Preis der Deutschen Filmkritik gewann und über den die ZEIT damals schrieb

„Das deutsche Kino ist tot, das deutsche Kino lebt. Filme wie der von Klier […] sind immer noch möglich; heute sind sie notwendiger denn je. Denn da wo wir jetzt sind, ist es gar nicht gut.“

Boje hatte das richtige Gespür im richtigen Moment. Das setzte sich fort, als er 1990 den frisch von der Deutschen Film- und Fernsehakademie kommenden Detlef Buck kennen lernte und mit ihm ein Jahr später die BojeBuck Filmproduktion GbR gründete. (Ein Jahr später umbenannt in BojeBuck Produktion GmbH) Erster Film der Zusammenarbeit: „Karniggels“,

Bucks erster langer Spielfilm, für den er auch, wie später oft, selbst das Drehbuch schrieb. Schon ein Jahr danach brachte das Gespann Bucks zweiten Film in die Kinos. Nachdem „Karniggels“ eher als Insidertipp gehandelt worden war, entwickelte sich„Wir können auch anders“ schnell zum Kassenschlager. Heute gilt der ironische zugespitzte Roadmovie zweier Brüder auf ihrem Weg ins Ostdeutschland der Nachwende als Anfang des modernen deutschen Kinos der 90er. In den nächsten Jahren entstanden mit Bucks „Männerpension“ und Leander Haußmanns Debütfilm „Sonnenallee“ weitere Publikumsmagneten. Grade „Sonnenallee“ avancierte, nonchalant die Geschichte einer Gruppe Jugendlicher im Ostberlin des Jahres 1973 erzählend, zum Kultfilm.

2003 dann eine zweite Zusammenarbeit Bojes und Haußmanns in den Kinos: Die Produktion der Romanadaption von Sven Regeners „Herr Lehmann“. Von Kritik und Jurys hoch gelobt wurde der Film u.a. für drei Bundesfilmpreise nominiert, wovon er mit denen für das beste Drehbuch und den besten männlichen Nebendarsteller, Detlev Buck nämlich, auch ausgezeichnet wurde. 2005 dann der bisher letzte Film mit Haussmann: „NVA“, ein Nachfolgeprojekt von „Sonnenallee“, allerdings bei weitem ohne deren Erfolg.

Von 1991 an hat die Produktionsfirma BojeBuck verschiedenste Filme produziert und koproduziert, darunter auch wie „Brute“, „Sin Querer“ und Eoin Moores „Conamara“. Sämtliche BojeBuck Produktionen werden vom Delphi Verleih herausgebracht. Ebenso sämtliche Regiearbeiten von Detlef Buck. Zuletzt so „Knallhart“, 2006 erschienen, ein ernster Film über einen 15jährigen, der mit seiner Mutter ins düster-brutale Milieu des Berliner Stadtteil Neuköllns zieht. Ein beklemmender Film und zunächst vielleicht doch überraschend als Arbeit des Bisherkomödienregisseurs Buck. Claus Boje ist anderer Meinung:

„Detlef Bucks waren immer authentische Milieuschilderungen mit sozialem Realismus“

Buck und Boje, ein Traumgespann, Erfolgspaar. Buck: Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor und Produzent. Boje: Kinobesitzer, Filmverleiher, Produzent. Beide Macher, beide Tausendsassa, beide Schlüsselfiguren des neuen deutschen Kino.

Montag, den 27. November wird Claus Boje Gast des Literarischen Salons an der Universität Hannover sein. In media res. Laut Programm soll vor allem eine Frage geklärt werden: Was genau macht eigentlich ein Produzent? Vielleicht kann aber auch eine weitere gestellt werden.
Nämlich die, warum bitteschön bloß Cineasten Produzentennamen kennen!