Der Anfang vom Ende – Mel Gibsons „Apocalypto“

Grünes Blättergestrüpp, sich windende Lianen, der dicht wuchernde Urwald Mexikos – mit der Kamera dringt auch der Kinobesucher an die Original-Schauplätze der Geschichte vor, an denen vor fast 500 Jahren die Hochkultur der Maya ihr Ende fand. Nach dem international umstrittenen Film „Passion Christi“ lädt Mel Gibson als Regisseur des aktuellen Werks „Apocalypto“ erneut auf eine Zeitreise ein, entführt den Zuschauer und seinen Hauptdarsteller an einen Ort und in eine Zeit, zu der Gewalt und Aberglaube die Menschen regiert haben.

Der überwiegend im tropischen Regenwald inszenierte Film wurde nur mit unbekannten Laiendarstellern umgesetzt, die die ursprüngliche Natürlichkeit der Personen realistisch zur Geltung bringen und der Erzählung zumindestens zu Beginn ein hohes Maß an Authentizität verleihen. Zunächst wird der Zuschauer mit einer amüsanten Szene in das Geschehen eingeführt, in der das womöglich größte Leid eines jeden Mannes, der demnach in jeder Kultur vorkommenden Impotenz, in den Mittelpunkt der Handlung gestellt wird. Während der Zuschauer einleitend zu mitleidigem Gelächter anregt wird, vergeht ihm bereits nach kurzer Zeit das Lachen.

Das idyllische Dorf wird von einem fremden Stamm angegriffen, seine Bewohner gefangen genommen und in deren Stadt verschleppt werden. Zuvor gelingt es dem furchlosen Krieger Pranke des Jaguars (Rudy Youngblood), um den sich die fiktive Geschichte dreht, seine Familie in einem tiefen Felsloch zu verstecken, aus dem sie jedoch aus eigener Hilfe nicht mehr zu fliehen vermag. Seine hochschwangere Frau und seinen kleinen Sohn zu retten, ist der einzige Gedanke, der ihn während des beschwerlichen Fußweges in die Stadt des grausamen Holcane-Volkes bei Kräften hält. An dem Ort des Schreckens wird den versklavten Kriegern unmittelbar bewusst, wozu sie dem feindlichen Stamm dienen sollen. Wegen einer langen Dürreperiode und einer das Volk dahinraffenden Seuche kann der Blutdurst der Göttern nur durch Menschenopfer gestillt werden und da ein Volk äußerst ungern seine eigenen Einwohner einen Kopf kürzer macht, wird eben auf die friedlichen Stämme zurückgegriffen. Bevor sie erkannt haben, was das bedeutet, pulsiert auch schon das Herz in den Händen des Holcane-Priesters, und die unbeseelten Köpfe und Leiber rollen zum allgemeinen Vergnügen der Menschenmassen die scheinbar endlose Treppe des Maya-Tempels hinab. Da grenzt es nur an ein Wunder, dass ausgerechnet, als der Protagonist seinen Dienst zum Wohl des Volkes beitragen soll, sich der Himmel aufgrund einer Sonnenfinsternis verdunkelt und den vom Blut berauschten Menschen offenbart, das die Götter genug von dem blutrünstigen Treiben haben. Wohin mit den überflüssigen Sklaven?

Wenn Sie schon nicht den Göttern dienen, dann doch dem Vergnügen jener sadistischen Krieger, denen Gibson nicht einen Funken Sympathie des Zuschauers gewährt. Die spielerische Menschenjagd wird allerdings zum bitteren Ernst, als es ,Pranke des Jaguars` gelingt zu fliehen, und die entsetzten Krieger, allen voran ,Leitwolf` (Raoul Trujillo), befürchten, dass damit der von einem kleinen Mädchen prophezeite Untergang ihrer Herrschaft seinem Anfang nimmt. Der einzige Ausweg, ihrem Schicksal zu entkommen, ist, den entlaufenen Krieger zu töten. Eine spektakuläre Verfolgungsjagd durch den Urwald beginnt. Nach und nach bewahrheiten sich die Weissagungen, und die Zahl der böswilligen Krieger schwindet durch das strategische Vorgehen des Verfolgten, dessen Liebe zu seiner Familie ihn zu übermenschlichen Leistungen bewegen kann. Dabei scheint die Angst vor dem einsetzenden Regen, der den Tod seiner Lieben bedeuten würde, größer zu sein als die vor den bestialischen Holcane-Kämpfern, denen er mit List und vollem Körpereinsatz erfolgreich entgegen tritt.

Während zu Beginn fast einem Dokumentarfilm gleich in die damalige Zeit eingeführt wird, dominiert zum Ende hin der epische Anteil des Films. Gibson und der am Drehbuch beteiligte Farhad Safinia lassen viele bereits anfangs wie zufällig eingeführte Gegenstände zum glücklichen Ende führen. Dadurch wirkt die Geschichte teilweise so konstruiert, dass sich gewisse Handlungsstränge leicht voraussagen lassen. Folglich ist es auch kein sonderlich überraschendes Ereignis, dass ausgerechnet die Landung der Europäer den Protagonisten vor dem Tod bewahrt und zur Rettung der inzwischen um einen Säugling angewachsenen Familie beträgt.

Somit stellt das Ende des Films einen eindeutigen Bezug zu jenem einleitenden Zitat von Will Durant her, einem US-amerikanischen Philosophen und Schriftsteller, der in seinem Werk „Geschichte der Zivilisation“ schrieb: „A great civilization is not conquered from without, until it has destroyed itself from within“. Fraglich bleibt, was es dem Zuschauer nach dem Besuch eines derart Gewalt in den Mittelpunkt stellenden Films sagen soll. Soll dieser Film eine Art Rechtfertigung für den Untergang jenes einst mächtigen Volkes sein? Eine Art Schuldverschiebung, die die Europäer von ihrer Verantwortung für die Vernichtung der Ureinwohner Amerikas freispricht?

Wie der Titel des Kinofilms „Apocalypto“ schon andeutet, beginnt mit dem (Welt-)Untergang eine neue Zeit, in der – unter Rückbezug auf die Herkunft des Begriffs – Jesus Christus über das Böse siegt und ein neues Reich errichtet. Gibson beweist damit wieder einmal, dass er seine Fähigkeiten als Regisseur inzwischen im Sinne seines erzchristlichen Glaubens gänzlich seiner Religion widmet. Ob seine Botschaft bei einer in dieser Form zu Schwarz-Weiß-Denken anregenden Inszenierung nicht vielmehr Kritik als Beifall auslöst, sei jedem selbst überlassen.
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