„The Departed“ II: Neue Wurzeln

Martin Scorsese hat nach 11 Jahren wieder einen Mafiafilm gedreht: „The Departed“ ist ein großartiger Film und hat für alle Beteiligten die Oscarchancen in den Himmel schnellen lassen!

„The Departed“ spielt in South Boston, wo die Polizei dem organisierten Verbrechen den Krieg erklärt. Der junge Undercover-Cop Billy Costigan (Leonardo DiCaprio) ist in diesem Viertel aufgewachsen. Er bekommt den Auftrag, sich in das Syndikat des Unterweltbosses Costello (Jack Nicholson) einzuschleusen. Während Billy schnell Costellos Vertrauen gewinnt, hat sich der hartgesottene junge Kriminelle Colin Sullivan (Matt Damon), der ebenfalls aus South Boston stammt, seinerseits bei der Polizei eingeschleust, um für Costello zu spionieren. Er erarbeitet sich in der Ermittlungsspezialeinheit eine Machtposition und gehört zu der Hand voll Elite-Cops, die Costello dingfest machen sollen. Natürlich wissen Colins Vorgesetzte nicht, dass er für Costello arbeitet – der Unterweltboss ist der Polizei immer einen Schritt voraus.
Beiden Männern steigt dieses Doppelleben zu Kopf: Sie sammeln Informationen über die Pläne und strategischen Reaktionen der Systeme, in die sie eingedrungen sind. Doch sowohl die Gangster als auch die Cops merken, dass in ihren Reihen ein Maulwurf tätig ist, und plötzlich laufen Billy und Colin Gefahr, entdeckt und gefasst zu werden – hektisch versuchen beide, den anderen zu enttarnen, um selbst unerkannt zu bleiben.

Der neue alte Stil.

„The Departed“ basiert auf dem Hongkong-Thriller „Infernal Affairs“ (Infernal Affairs – Die achte Hölle; 2002), der in Asien einen riesigen Erfolg verbuchte und 2004 auch in den USA anlief. Man hat quer durch die Presse, die den Film fast durchgehend gefeiert hat, lesen können, Regisseur Martin Scorsese sei mit diesem Gangsterfilm zurück gekehrt zu seinen Wurzeln, welche schon Meisterwerke wie „Good Fellas“ (1990) oder „Casino“ (1995) hervorgebracht haben. Vor allem aber war zu lesen, dass sich dieser Film ja so deutlich von den letzten beiden des 1942 in Queens geborenen Scorsese unterscheiden würde, womit „Gangs of New York“ (2002) und „Aviator“ (2004) gemeint sind. Gut kommen diese beiden Großproduktionen in der Gesamtwertung rund um „Departed“ nicht immer weg. Die CINEMA sprach gar von „überambitionierter Konfektionsware“. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Richtig ist, dass Scorsese nach 11 Jahren in sein altangetrautes Genre, den Mafiafilm, zurück gekehrt ist und mit „The Departed“ wohl seinen größten kommerziellen Erfolg feiern wird (schon jetzt hat der Film allein in den USA über 200 Mio. Dollar eingespielt). Falsch ist hingegen, dass er dies nahtlos tut, denn sein aktueller Film unterscheidet sich in mancherlei Hinsicht von seinen gewichtigen Vorgängern im Genre: Sowohl die Schnittgeschwindigkeit als auch die Bildersprache ist eine andere. „The Departed“ kommt mit weit weniger optischem Aufwand, weniger komplizierter Choreographie und deutlich weniger Blut aus, als es z.B. bei „Good Fellas“ der Fall war. Gewalt bleibt hingegen ein funktionaler Faktor, sie ist notwendiger Bestandteil der Story und kein Selbstzweck, wie dies etwa bei Mel Gibson der Fall ist (man denke an „Die Passion Christi“ und auch seine neuste Regiearbeit „Apocalypto“ kommt nicht ohne selbstberauschende Gewaltexzesse aus).

Falsch ist auch, dass „Gangs of New York“ wie auch „Aviator“ zu glatt, zu pompös, zu weit weg vom Kernstil des Regisseurs Scorsese, sprich: überambitioniert waren und damit nie die Chance auf große Anerkennung hatten. Der Vorwurf verfehlt nämlich die Funktion des Stils. Weder der eine, noch der andere Film geben einen Stoff für ein durchchoreographiertes und mit Musik von Roxy Music oder Otis Redding unterlegtes Blutbad her, wie dies bei „Casino“ oder noch früher auch in „Mean Streats“ (1973) der Fall war. Nicht nur die insgesamt 21 Oscar-Nominierungen beider Filme sprechen dagegen, sondern auch ein Blick auf das Verhältnis von Story und Umsetzung. Die Geschichten, die es zu erzählen gab, haben ihren eigenen Stil gefordert und Scorsese war in beiden Fällen klar zu erkennen. „Aviator“ ist die Geschichte eines Menschen mitten im Pomp und doch am Rand des psychischen Abgrunds – seinerzeit brutal glaubhaft verkörpert von Leonardo DiCaprio. Und „Gangs of New York“ war der Clash junger Subkulturen auf unbeflecktem Boden – das kann man nicht mit den Stilmitteln eines Gangsterfilms zeichnen. So sind auf ihre, vielleicht für Scorsese untypische, Art beide Filme große Werke geworden. Das Scorsese der vielleicht begnadetste Mafiafilmregisseur ist mag sein – es kann aber als Argument gegen seine vorherigen Arbeiten nicht ins Feld geführt werden.

Der Oscar für Scorsese ist überfällig.

Als Remake ist „The Departed“ eine klare Akzentverschiebung. Die Verlagerung nach Boston (wo die Historie vergleichbare Mafiastrukturen geschaffen hat), die Entschlakung der Gewalt und vor allem die fantastische Besetzung lassen einen neuen Film entstehen, der dem Vorgänger „Internal Affairs“ nur noch der Grundstory nach entspricht. Etwas Besseres kann einem Remake eigentlich auch gar nicht passieren: Der Film steht für eine völlig eigene Interpretation der Stoffs und das Schauspieler-Ensemble spielt sich förmlich in einen Rausch: DiCaprio als Undercover-Agent, der dem Druck langsam aber sicher nachzugeben und die Nerven zu verlieren droht, spielt unglaublich stark und souverän, Jack Nicholson ist gewohnt beeindruckend und gibt seiner Figur einen Anstrich des Irren, Unberechenbaren – beide Leistungen sind Oscarreif! Matt Damon kann bei dieser Überlegenheit nicht recht mithalten. Auch seine Figur ist glaubwürdig und er gibt sich redlich Mühe, die Kälte und Abgeklärtheit seiner Figur zu transportieren. Dennoch ist er letztlich nur Zuschauer bei der großen Schauspielershow seiner Kollegen, die durch glanzvolle Auftritte von Mark Wahlberg als ruppiger Sergeant Dignam , Martin Sheen als ruhig-konzentrierten Captain Queenan und und von der gleichermaßen wunderschönen wie präzisen Vera Farmiga als Polizeipsychologin Madolyn, die zwischen die Fronten beider Spitzel gerät, komplettiert wird.

Ja, Scorsese ist wieder an seinen Wurzeln angekommen. Das macht ihn zwar nicht zwingend besser als vorher, aber es erfüllt die Sehnsucht nach dem Gewohnten. Das Schöne ist nun, dass „The Departed“ zwar ein Film auf gewohntem Scorsese-Terrain ist, dennoch kein rein-typischer Scorsese-Film. Und das macht ihn so faszinierend, so kräftig. Und es macht ihn zu einem der Oscarfavoriten 2007! Doch auch wenn sich Jack Nicholson nicht seinen vierten und Leonardo DiCaprio seinen ersten Oscar in die Vitrine stellen darf – Scorsese ist überfällig!

Unterm Strich: Großes Kino eines großen Regisseurs mit großen Schauspielern! Das Glanzstück der zweiten Jahreshälfte des deutschen Kinojahres 2006.